Sonntag, 27. Mai 2007
großstadt: observation
Intellektuelle und Künstler in schwarzen Rollkragenpullovern mit Gauloises im Mundwinkel. Rotnasige Herren mit Baguette unterm Arm. Mannequins in Stöckelschuhen beim Schaulaufen. Baskenmützen wohin man sieht. Er muss lächeln, ob der vielen sich erfüllenden Klischees.
Er springt auf, der zu Beobachtende hat das gegenüberliegende Gebäude verlassen.
großstadt: suchend.
Die Seele baumeln lassen und die Gedanken einfach mal zur Seite schieben.
Den Gedanken-Sucher auf offline schalten und so der Assoziation und Direktaufnahme
freien Lauf lassen.
Geheimagent auf Pause stellen.
Pause für Gedankenfluten.
„Großstadt ist ein Ballungsraum, dessen Verhältnis Population Fläche es von dem einer Kleinstadt zu unterscheiden gilt.
Während man in Großstädten von einer hohen Bevölkerungsdichte ausgeht, nimmt diese mit abnehmender Fläche (Kleinstadt) ab.“
Lange Rede, kurzer Sinn:
Auch Großstädter können einsam sein.
schaufenster: püppchen
Freitag, 25. Mai 2007
großstadt: ameisenkönigin
Alles ist in ständiger Bewegung. Es wimmelt und wuselt, es raschelt und rauscht. Die Menschen sind immer auf dem Sprung. Bewegung, Bewegung, Bewegung - so lautet ihr Credo bis eines Tages die rigor mortis einsetzt. Mit ihren Einheitsanzügen und Koffern gleichen sie Geheimagenten. Nur nicht erkannt werden. Nummern statt Namen. Wie emsige Ameisen im Ameisenstaat - immer beschäftigt: jagen, sammeln, arbeiten, bekriegen, versklaven, fressen. Nur keine Müdigkeit vorschützen! Straßen bauen und unterirdische Gänge. Dabei laufen sie oft zu schnell, laufen ineinander. In der U-Bahn läuft ein Mädchen in mich und lässt ihre Tasche fallen. "Entschuldigung." Engelsstimme. Ich hebe sie auf. "Danke." Kastanienbraunes, lockiges Haar, funkelnde grüne Augen. Sie lächelt. Hübsches Gesicht. "Ich muss mich beeilen. Die 3." Sie verschwindet. Ich bleibe zurück mit einer Nummer. "Für mich bist du mehr als nur die 3. Du bist die Ameisenkönigin."
schaufenster: new look
Auf meinem langen Nachhauseweg komme ich abends an einem kleinen Modegeschäft in der Innenstadt vorbei. The New Look. Tizianroter Schriftzug auf weißem Hintergrund. Eine Weile bleibe ich vor dem Schaufenster stehen. Sportlich elegante Kleidung an makellosen, glatten Körpern. So schön, so elegant, so... bessere Menschen? Einer von ihnen trägt ein seidenes marineblaues Hemd mit selbstbewusstem Blick. Ich gehe hinein. Drinnen erwarten mich die besseren Menschen und präsentieren ihre zweite Haut: The New Look. Mein Blick fliegt durch den Raum, der größer ist als man es von draußen hätte erahnen können . "Kann ich ihnen helfen?”, fragt plötzlich eine männliche Stimme neben mir. Ich weiß nicht. Kann er? „Suchen Sie etwas bestimmtes?” Der Verkäufer bleibt hartnäckig. Er sieht aus wie einer von ihnen. „Nein, ich will mich nur umschauen.“ Langsam gehe ich durch den großen Raum und suche das seidene marineblaue Hemd. Ich bin der einzige Kunde und die Verkäufer verfolgen jeden meiner Schritte. Sie alle sind elitär. Sie alle haben den New Look. Vielleicht wollen die ja jetzt schließen. Vielleicht wollen sie unter sich sein. Das Hemd steht mir sowieso nicht. Beim Gehen wünscht mir die hübsche junge Frau am Ausgang einen schönen Abend. "Vielleicht finden Sie ja beim nächsten Mal etwas." Als ich aus dem Geschäft trete bläst mir ein eisiger Wind entgegen. Es wird bald Regen geben und ich bin noch lange nicht zu Hause.
Dienstag, 22. Mai 2007
großstadt: verdachtsmoment
statt dessen baut sich vor meinem auge großes auf, flächiges. muß wohl das geliebtzitierte „erlebnis masse“ sein. und da hinten an der ecke: ist das dann schon blasiertheit?
Montag, 21. Mai 2007
großstadt - eiskalt erwischt
Heimlich durch die Nacht geschlichen auf der Suchen nach der Blutspur der vergangenen Nacht die wir hinterlassen haben müssen auf unserem Streifzug um die Häuserblocks wie Agenten einer ersten Liebe folgend, wir nahmen Witterung auf, schlürften Nachtluft am Tage, waren damit dem Untergang geweiht
Bedächtig und sicher schmiedeten wir unsere Pläne gegen die Großstadt, warfen unsere Namen in überhellen Linien und Farben an die Wände der U-Bahn um nicht vergessen zu werden vom übergroßen Moloch, dem Allesfresser Berlin, der nährenden Mutter und Heroinhure -
- und immer ist da dieser Geruch, dieser Duft nach Freiheit, nach Weite, nach Welt und Vergessen, Einsamkeit und Frösteln
an der dunklen Endstation,
allein,
ganz allein in einer Millionenstadt,
Wie ist das möglich
schaufenster - splitter aufkehren
Perfekte Puppenkörper hinter perfekten Fensterscheiben perfekte Kleidungsstücke Blusen und Hosen im perfekten Fall
Zwischen den Rockfalten sucht Sie, sucht zu kaschieren was Sie zuviel ist oder zuwenig
Sucht nach dem, was Ihr am Besten steht, sieht sich im Schaufensterspiegelbild
und
dahinter die Geliebte Pygmalions, die Perfekte, die Elfenbeingemeiselte (nur heute braun, nicht mehr milchweiß, Ideale ändern sich, jedenfalls augenscheinlich).
Soll sie das Rote nehmen oder das Blaue, wie soll sie den Gürtel tragen, einen Absatz oder lieber doch nicht
Sie ist was man an ihr sieht
weiß Sie
Und durchsucht weiter die Schaufensterspiegelbilder nach sich selbst.
großstadt: die wohung im zehnten stock
Sie kennt jeden in ihrem Haus, in ihrem Viertel. Sie kennt die Namen, die Berufe, die Hobbys, die Lieblingsfernsehserien und die wöchentlichen Einkaufslisten. Das ist ihr Auftrag. Zu beobachten, Tag für Tag. Veränderungen im Verhalten bemerkt sie sofort. Sie hat alle im Blick. Die Wohnung im zehnten Stock ist ihr Beobachtungsposten. Manchmal denkt sie zurück an früher, denkt wie es wohl wäre, heraus zu treten ins Treppenhaus und jemanden zu treffen, der ihren Namen kennt, ihren wirklichen Namen. Dann geht sie ins Badezimmer und schaut in den Spiegel, in ein Gesicht, das früher anders war.
großstadt - verkehr

Die Verkehrsplanung in für eine Großstadt weißt einige Besonderheiten auf. Im ersten Schritt sollte das eintretende Verkehrsaufkommen prognostiziert werden. Im zweiten Schritt betrachtet man die Siedlungsdichte und die vorhandenen Einrichtungen, sowie Infrastrukturen. Anhand dieser Analysen werden Straßenverläufe, Parkplätze und Fußgängerüberwege geplant.
großstadt: randnotiz
winterpelz: klang.
Winterpelz, Winterpelz.
Ach, du schöner Winterpelz.
Des Pelzens Winter. Hach, der Pelz.
Pelz, Schmelz, Seelenwelt.
Der Seelen Welt. Wie Geld,
die Welt.
Seele, Welt und Pelz,
hach Pelz! hach Pelz!
Der Welten Geld.
Geld Welt Seelenpelz.
Pelzens Seele, Geld, ach Welt.
Das Schreiben über Winters Welt.
Des Pelzens Geld. Der Welten Welt.
Wenn du gelten willst: trag Pelz!
Welten, ach, der Pelzen Welt.
Identität der Pelzen Welt.
Pelzens Welt, des Lebens Held.
Pelz’ne Welt, oh Held der Welt!
Identität, die krachend dazwischen.
Verlustreich aus der heilen Welt.
schaufenster: suchend.
Auf der Suche nach Identität.
Anerkennung sowieso.
,,Alle Identität entsteht aus der Suche nach Anerkennung.’’
Das Kind, das nach der Mutter ruft.
Schulisches Händerecken, um Wissen anzupreisen.
(Hände hoch: Ich will was sagen.)
Die Reise auf der Suche nach dem Ich.
In der Fremde will ich mich finden. Gar verändern.
Und muss doch feststellen:
Ich bleibe immer der-, die-, dasselbe.
Weglaufen gilt nicht.